Verständnis oder Ablehnung - was sind eure Erfahrungen?

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26 Sep 2017 13:40 #1 von EmmaLee
EmmaLee erstellte das Thema Verständnis oder Ablehnung - was sind eure Erfahrungen?
Hallo,

mich würde mal interessieren, wie euer Umfeld so auf eure Angst reagiert hat, und vielleicht auch was ihr für Tipps habt, um mit Unverständnis, Ablehnung, etc. umzugehen oder es Menschen besser zu erklären.

Persönlich hatte ich damit bisher Glück. Da meine Freunde überwiegend Medizin oder Psychologie studieren, hat mein Freundeskreis für "Psychokram", mag er auch noch so ausgefallen sein, wohl noch eher Verständnis als der Durchschnitt. Eine Freundin hat einmal, als ich zu betrunken war und doch spucken musste, sehr lange meine Hand gehalten und mir später für meinen kleinen emotionalen "Meltdown" auch keine Vorwürfe gemacht.

Bei meiner Mutter bin ich hingegen auf die typische "Keiner kotzt gern"-Reaktion gestoßen. Jahrelang habe ich als Jugendliche versucht, ihr klarzumachen, dass ich mehr Angst davor habe, als es "natürlich" oder "normal" ist, und eben Leidensdruck dadurch. Sie erklärte mir, dass es doch völlig normal und evolutionär begründbar sei, Es sei ja normal, sich von Erbrochenem fernhalten zu wollen, weil das eventuell Krankheiten übertrage, und Kotzen sei ja unangenehm. Schön und gut, mag alles sein, aber die Angst war nun mal da, und es ist ein merkwürdiges Gefühl, seine Probleme zu verteidigen - ich komme mir dabei vor wie eine Speshul Snowflake, die sich eigentlich nur zusammenreißen müsste, weil mir das dabei nun mal auch vermittelt wurde.
Und wenn mir mal schlecht ist, verstärkt ihr "Besser raus als rein" (verbunden mit ihrer Panik, dass ich ja was ernstes haben könnte) die Angst natürlich nur noch mehr.

Natürlich ist das nicht als Vorwurf gegenüber meiner Mutter gemeint, sie hätte es unmöglich besser wissen können, aber ich finde es ganz interessant, wie die Reaktionen unserer Mitmenschen sich auch auf die Angst auswirken können. Während meine verständnisvolle Freundin mir die Angst ein Bisschen nehmen konnte, sodass ich auch das Erbrechen gut überstanden habe und danach für eine Weile sogar dachte, ich sei so gut wie geheilt, habe ich manchmal das Gefühl, dass meine Mutter unfreiwillig dazu beigetragen hat, dass die Krankheit sich länger hinzieht.

Für mich persönlich beinhaltet "Besser raus als rein" auch die Erwartung, mich nun doch endlich zu übergeben, und hat etwas Endgültiges - als wäre das Erbrechen nun unumgänglich. Da hilft es mir viel mehr, wenn andere Menschen ruhig bleiben und mit einer offenen Einstellung reingehen und mir vermitteln, dass es okay ist, egal was nun passiert und was mein Körper tut. Dass es nicht garantiert ist, dass ich erbrechen muss - weil das erst recht für Panik sorgen würde - aber es okay ist, falls es dazu kommt. Also die Einstellung, die ich mir auch selbst zu erarbeiten versuche.

Was habt ihr da so für Erfahrungen gemacht? Wie erklärt ihr euren Freunden, Verwandten oder Partnern die Angst und wie haben sie reagiert?
Und welche Reaktionen und Haltungen eurer Mitmenschen helfen, was macht es eher schlimmer? Und wie erklärt ihr das euren Mitmenschen, ohne zu fordernd oder bedürftig zu wirken? Wobei man ja meinen sollte, dass es nicht viel verlangt ist, sich Sätze wie "Besser raus als rein" oder "Jetzt kotz endlich" (Zitat anderer Verwandter) zu verkneifen ...

liebe Grüße,
Emma

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27 Sep 2017 23:11 #2 von Oriane
Oriane antwortete auf das Thema: Verständnis oder Ablehnung - was sind eure Erfahrungen?
Hallo Emma :)

ich hatte bisher auch ziemliches Glück, aber ich habe auch kaum jemandem von meiner Phobie erzählt, jedenfalls nicht ausführlich. Was das angeht, habe ich hier in der GTW jemanden gefunden, mit dem man immer und so lange über die Emo reden kann, wie es nötig ist, was echt toll ist, aber auch dazu führt, dass mein Umfeld sonst nicht so viel davon mitbekommt.

Meinem engen Freundeskreis habe ich es irgendwann erzählt, als wir zusammensaßen an so einem merkwürdigen Abend, an dem einer anfängt, etwas zu erzählen und dann ziehen alle nach und rücken mit Kram raus, über den sie normalerweise nicht reden. Die Reaktion war dementsprechend entspannt. Keiner hat weiter nachgefragt, der einzige Kommentar war: Dann muss MGD ja echt fies für dich sein. :D

Mein Exfreund weiß auch davon. Er hat immer sehr lieb reagiert, wenn ich Panik hatte und hat versucht, zu helfen, aber wenn ich Panik habe, kann mir niemand außer mir selbst wirklich helfen. Und er fragt sogar immer noch ganz fürsorglich nach, wenn er glaubt, dass es mir schlecht geht. Allerdings ist seine Meinung zu dem Thema, dass ich mich einfach mal richtig übergeben müsste, dann würde das schon weggehen...tja, da gehen unsere Ansichten ziemlich auseinander.

Anderen Freunden erzähle ich es mittlerweile, wenn es sich ergibt. Aber dann reiße ich das Thema auch nur kurz an. Ich rede nicht gerne darüber, weil ich glaube, dass es für Nicht-Emophobiker unheimlich schwer ist, diese Angst zu verstehen. Was wiederum ich gut verstehen kann, wenn ich an Angst vor Spinnen oder so denke. Ich habe keine Angst vor Spinnen, im Gegenteil, ich finde sie ziemlich interessant. Klar gibts Exemplare, die eklig sind, aber ich renne nicht vor Panik kreischend aus dem Bad, weil eine in der Badewanne hockt. Mir fällt es schwer, zu akzeptieren (ohne darauf rumzuhacken), dass meine Schwester bspw. die Viecher absolut nicht ausstehen kann. Und sie hat nicht einmal eine richtige Phobie.
Deshalb kann ich die "kotz doch einfach" - Reaktion verstehen und erzähle den Leuten einfach lieber nichts von meinem Problem, wenn es nicht nötig ist oder ich nicht den Eindruck habe, dass sie verständnisvoll damit umgehen.

LG
Oriane

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28 Sep 2017 02:47 - 28 Sep 2017 02:48 #3 von leo99
leo99 antwortete auf das Thema: Verständnis oder Ablehnung - was sind eure Erfahrungen?
Ich habe von engen bekannten positive Reaktionen bekommen. Meine Mutter ist die größte Hilfe, sie steht mir allgemein sehr nahe und versucht alles, um mir den Alltag mit emetophobie zu erleichtern. Auch in meinem Freundeskreis gab es keine Probleme, nachdem ich etwas detaillierter erklärt habe, was Emetophobie überhaupt ist. Negativ kam es jedoch bei meinem Vater, meiner Stiefmutter und Stiefschwester an. Zu denen habe ich allgemein keinen guten Kontakt. Dort stieß ich auf Missverständnis, wurde von meiner Stiefmutter belacht. Sie kam eines Abends betrunken nach Hause und das hatte dann “Auswirkungen”, die ich von meinem Zimmer aus hören konnte. Hatte dann eine Panik Attacke und wollte meine Stiefschwester nicht reinlassen, diese hat mich tagelang ignoriert. Wenn es um das Thema Erbrechen geht kommt dann nur “Ja, du immer mit deinem Kotzen. Das findet jeder ekelhaft.”

Auch in einer Klinik in der ich war gab es negative Erfahrungen und Unverständnis. “Das findet jeder ekelhaft. Es ist normal sich zu übergeben! Steiger dich nicht da rein! Du wirst sowieso irgendwann so krank und es passiert!”

Ich finde es bedauerlich dass emetophobie so ein stillgeschwiegen so Thema ist und oft zur Lachnummer wird, obwohl es eine sehr ernst zunehmende Krankheit ist, die mich seit 10 Jahren begleitet und mich bis ans Ende meiner Nerven bringt.
Letzte Änderung: 28 Sep 2017 02:48 von leo99.

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30 Sep 2017 19:09 #4 von EmmaLee
EmmaLee antwortete auf das Thema: Verständnis oder Ablehnung - was sind eure Erfahrungen?
Hallo ihr beiden,

freut mich, dass auch ihr positive Reaktionen hattet. :)
Klar, es kann nicht jeder verständnisvoll reagieren, aber so ist das eben im Leben, und wichtig ist ja vor allem, dass die Leute, die einem nahestehen, einen unterstützen.

Der Meinung, ich müsste einfach mal richtig kotzen, war meine Mutter auch lange, und ich dachte das auch für eine Weile. Jetzt bin ich mir da aber nicht mehr so sicher. Das eigentliche Problem ist ja nicht das Erbrechen selbst, sondern die Angst und das Misstrauen in den eigenen Körper - und alle möglichen individuellen Faktoren. Ob das mit einmal Übergeben alles einfach weg ist ... naja, ich hab so meine Zweifel.

"Keiner kotzt gern", uagh. Wundert mich nicht, dass ich nicht die einzige bin, die sowas zu hören bekommen hat. Es regt mich nicht einmal auf, ich kann schon verstehen, warum man das zuerst denkt, wenn man mit der Krankheit so gar nicht vertraut ist. Es ist ja auch ein Vorurteil, dass vor allem jüngere Leute (vermeintliche) psychische Probleme gern zur Selbstdarstellung nutzen ... aber man kann eben nie wissen, wie viel ein Mensch wirklich leidet und es gibt einen Unterschied zwischen "nicht mögen" und Phobie.
Aber in einer Klinik finde ich so eine Reaktion schon krass - gerade da sollte man doch Verständnis dafür haben!

Es war auf jeden Fall interessant, eure Beiträge zu lesen und ich hab da so einiges wiedererkannt. Es ist eben eine ziemlich unbekannte und missverstandene Krankheit, aber ich hab immer noch die Hoffnung, dass sich daran vielleicht ja noch was ändert, wenn genug Leute offen darüber reden. ^^'

lg, Emma

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