Meine Geschichte -Meine Ursache?

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06 Feb 2017 00:37 #1 von AngelJojo
Hallo,
ich bin 36 und leide schon seit dem Kindergartenalter an Emetophobie. Viele "Erbrechensszenen" schwirren immer in meinem Kopf und ich kann mich an diese erinnern, während andere das längst vergessen haben, obwohl die erbrochen haben. Ich war immer ein Bauchschmerz-Kind mit Übelkeit und war bei vielen Ärzten, es gab Diagnosen wie Lactoseintoleranz, Salmonellen... Ab der 5./6. Klasse habe ich dann aufgehört zu essen und hatte dann über längere Zeit Psychotherapie wegen einer Anorexie. Im Nachhinein war es meiner Meinung nach keine klassische Anorexie sondern immer die Angst vor dem Erbrechen. Seitdem ich denken konnte, wollte ich immer schon Kinderärztin werden, damit ich mir endlich helfen kann, wenn schon kein anderer Arzt mir richtig helfen kann. Ich bin inzwischen wirklich Kinderärztin, helfen konnte ich mir bisher nicht wirklich, außer dass ich natürlich Bauchschmerzen und Übelkeit mit Medikamenten lindern kann, aber dadurch geht es mir nicht unbedingt besser, ich fühle mich aber sicherer. Die Arbeit als Kinderärztin ist alles andere als leicht für mich. Wenn Patienten postoperativ oder wegen Chemotherapie Erbrechen überkommt mich nicht mehr die Panik. Auch wenn Jugendliche wegen Alkohol Erbrechen, bleibe ich recht ruhig, ganz im Gegensatz wenn meinem Freund vom Alkohol schlecht wird. Da drehe ich durch! Ich habe mir sogar schon mal bei einer Hochzeit ein Einzelzimmer dazu gebucht...
Das Leben mit dieser ständigen Angst vor Erbrechen kostet mich in der Klinik unglaublich viel Kraft. Wahrscheinlich denken viele, dass ich keine Angst davor haben kann, da ich ja alles Kinderärztin arbeite und das dann nicht zusammenpasst. Jedes Mal wenn ich zB einen Patienten mit Norovirus habe, denke ich mir: "dieses Mal hast Du Dich bestimmt angesteckt" und prompt wird mir schlecht. Ich liebe meinen Job, aber ich frage mich immer wieder, warum ich mir das antue.
Kinder möchte ich keine (was keiner verstehen kann), weil ich so Angst habe. Wahrscheinlich würde ich bei jedem Husten denken, dass es erbricht. In der Klinik muss ich ja zum Glück nichts wegputzen etc., aber zuhause müsste ich das natürlich.
Vor 2 Jahren habe ich wieder eine Psychotherapie begonnen. Ich war so erschöpft und ko nach 10 Jahren Uniklinik mit 5-10 Nachtdiensten im Monat. Inzwischen habe ich reduziert, aber bei der Emetophobie komme ich nicht weiter. Sie sagt immer, dass bei Phobien die Konfrontationstherapie hilft. Aber ich konfrontiere mich in der Klinik seit Jahren. Ich möchte die Angst verstehen und glaube, dass ich sie nur hinter mir lassen kann, wenn ich die Ursache kenne. Also habe ich letzten Sommer eine Hypnosetherapie begonnen, die laut Homepage auch Erfahrungen mit Emetophobie haben. Eine Situation habe ich in Hypnose erneut erlebt, in dem ich als kleines Mädchen (Max 4 Jahre alt, da ich noch mein "altes" Kinderzimmer hatte) erbrochen hatte. Mein Eltern waren an dem Abend weg (aber wir hatten einen Babysitter) und daher durfte ich in deren Bett einschlafen. Ich habe dann wohl erbrochen und dann mit meinem Stofftier versucht, dieses wegzuwischen. Nachdem das nicht geklappt hat, bin ich ins Bad und habe das Stofftier sauber machen wollen, in dem Augenblick kamen meine Eltern. Später war ich wieder in meinem Kinderzimmer und muss weiter erbrochen habe, da ich mich daran erinnern kann, dass meine Mutter sagt, dass sie langsam keine saubere Bettwäsche mehr hätte. Laut der Hypnose hätte ich mir mehr Unterstützung gewünscht, ich sei hilflos gewesen. Das nächste Mal erbrochen habe ich vor den Osterferien in der 3. Klasse, meine Eltern waren an dem Tag wieder weg und ich hatte sie wegen der Bauchschmerzen bei Freunden angerufen und sie kamen auch sofort.
Zeitgleich zu der Zeit als ich das essen aufgehört habe, konnte ich es auch nicht mehr ertragen, wenn meine Eltern abends weggehen. Inzwischen sehe ich da folgenden Zusammenhang: Abends nur mit Geschwistern zuhause = ich muss bestimmt Erbrechen!!!
Für mich erklärt diese Situation jedoch noch nicht meine panische Angst. Nach einer Hypnosetherapie arbeitet das Unterbewusstsein ja immer weiter...
Letzte Woche hatte ich einen Termin bei einer anderen Psychologin, da ich mit der bisherigen nicht weiterkomme bei der Emetophobie. Sie hatte gefragt, ob ich mal eine andere ausprobieren möchte. Also fing das Erzählen von mir, meinen Ängsten, meiner Familie (nach außen sind wir top) etc. an und sie fragte immer mal dazwischen, zB warum ich keine Kinder möchte (wegen erbrechen) wie das Verhältnis meiner Mutter zu ihrer (also meine Großmutter) war und warum die Schwestern meiner Mutter keine Kinder wollten. Zudem muss ich sagen, dass das Verhältnis zu meiner Schwester nie wirklich gut war. Sobald wir alleine waren, hat sie mich gepiesackt, wenn andere dabei waren, war sie immer der Engel. Seitdem sie ein Kind hat, ruft sie mich wegen jedem "Pups" an, ist ja praktisch wenn die Schwester Kinderärztin ist. Vor vielleicht 2 Jahren hatten wir uns mal unterhalten, dass es Eltern gibt, die schon mal die Kinder übers Wochenende oder einen Urlaub zu den Großeltern gegeben haben. Meine Eltern waren mit meiner Schwester, die ein paar Jahre älter ist in Afrika im Urlaub und in der Zeit hat die Mutter meiner Mutter auf mich aufgepasst (ich war 2, das weiß ich dank der Urlaubsphotos). Als ich dann zu meiner Schwester meinte, "ich war doch auch bei Oma" und meine Schwester meinte nur "siehste, das ist daraus geworden". Ich war so perplex, dass ich gar nichts dazu sagen konnte. Meine Tante erzählte meinen Bruder und mir 2015, dass die Oma mich wohl geschlagen hätte und meiner Tante das erzählt hatte und meine Oma Angst hatte, dass ich es erzähle. Mein Bruder war total entsetzt und ich habe so getan, als wäre es mir egal. Ich lache eigentlich immer.
So und nun fällt es mir wie Schuppen von den Augen:
- Habe ich vielleicht erbrochen und wurde dafür geschimpft
- habe ich vielleicht mitten ins Zimmer gebrochen und wurde bestraft
- musste ich vielleicht Sachen essen, obwohl ich nicht wollte oder nicht mehr konnte, habe dann erbrochen und ich dachte, es muss was ganz schlimmes sein, schließlich wurde ich geschimpft, bestraft etc.
- wurde mir vielleicht gesagt, dass wenn ich erbreche, mag mich keiner mehr, weil es so schrecklich ist
- vielleicht wurde auch gesagt, dass dann meine Eltern nicht mehr zurück kommen

Dazu muss ich sagen, dass mir immer erzählt wurde, dass ich einen extremen Trotzkopf hatten.

Seit dem Gespräch letzte Woche + die Erinnerung der Aussage meiner Schwester + die Erinnerung der Erzählung meiner Tante, arbeitet es in mir und ich habe das Gefühl, dass hier der Knackpunkt ist. Als ich letzte Woche alles zusammengefügt habe, habe ich Stunden geweint (ich weine eigentlich nie), ich war so traurig, aber auch so wütend und enttäuscht von meinen Eltern. Nach außen ist alles so perfekt, aber wie konnten sie mir das antun? Seit über 30 Jahren habe ich diese Panik, mich kostet das alles so viel Kraft.

Meine grobe Zusammenfassung: Erbrechen ist etwas schlimmes und schreckliches, wofür man bestraft wird. Wenn man erbricht, ist das etwas böses und keiner mag mich dann.

Glaubt Ihr, dass das die Ursache sein kann? Oder spinne ich und das ist alles viel zu weit hergeholt? Rede ich mir das ein, um endlich die Ursache zu kennen? Hat diese Erbrechensszene im Elternbett die Angst hochgeholt und verstärkt? Oder ist diese weiterhin der Knackpunkt?
Ich glaube, ich werde demnächst noch mal meine Tante besuchen und das ansprechen. Aber ich möchte sie damit auch nicht belasten. Aktuell würde ich wahrscheinlich bei dem Thema sofort wieder heulen.
Entschuldigt bitte, dass ich so viel geschrieben habe!
Ich würde mich freuen, was Ihr dazu Eure Meinung schreibt.
Viele Grüße
Angela
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06 Feb 2017 20:30 #2 von Sovy81
Hallo Angela!
Ich finde deine Ursachentheorie echt interessant, ob da was dran ist, kann ich natürlich nicht wissen, aber ich finde es könnte durchaus was dran sein. Ich habe auch seit Kindergartentagen diese Angst zu erbrechen, und kann mich auch an alle möglichen Szenen von damals erinnern. Auch ich hatte als Kind immer diese Angst, das meine Eltern nicht da wären, im Fall des Falles. Ich konnte mich auch richtig reinsteigern in dieses Thema, so dass mir im Endeffekt dann wirklich übel würde, sobald meine Eltern Abends mal nicht da waren. Ich arbeite als Erzieherin, auch da funktioniere ich wenn jemand erbricht. Die Panik überkommt mich meist im Nachhinein, wenn ich zuhause bin. Aber wehe, eins meiner Kind muss sich Erbrechen!!!! Da bin ich dann leider ein größeres Häuflein Elend als sie selber... Meine damalige Therapeurin hatte als mögliche Ursache, dass ich als Kind keine Umstände und keine Arbeit machen wollte?! Ich weiß nicht, ob da was dran ist...
Ich wünsche Dir alles Gute, und Hut ab, ich hätte echt nicht gedacht, das man sogar als Kinderärztin davon betroffen sein kann! Toll, wie Du das schaffst!
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08 Feb 2017 19:47 #3 von AngelJojo
Hallo und Danke für die Rückmeldung! Dein Job würde mir mit meiner Emetophobie viel schwerer fallen, denn ich kann zB mit Mundschutz arbeiten. Und muss zB auch ein Kind, welches gerade gebrochen hat, nicht auf den Arm nehmen zum trösten. In der Klinik sind ja fast immer Bezugspersonen dabei.
Dass ich keine Umstände bzw. Arbeit machen möchte, könnte bei mir auch passen. Ich entschuldige mich 100x für alles. Und selbst wenn ich zB einen normalen Termin beim Zahnarzt habe, entschuldige ich mich für die Störing und Arbeit, die ich mache. Wie blöd von mir, denn er verdient ja an mir.....
Viele Grüße
Angela

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